Sitz der Seele – An das Excellence-Cluster Topoi

Überlegungen zum Sitz der Seele – An das Excellence-Cluster Topoi

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ihren Artikel zum Sitz der Seele in der Zeitschrift „Spektrum Spezial – Archäologie, Geschichte, Kultur“ habe ich mit einigem Interesse gelesen. Obwohl ich mir – insbesondere von Wissenschaftlern – mit dieser Stellungnahme wenig verspreche, dennoch einige Anmerkungen von mir als einem Mystiker zum Thema Seele.

Ihre wissenschaftliche Neugierde richtet sich auf einen Wandel in den Anschauungen zu dieser „Lichtgestalt“ vom Altertum bis in die Neuzeit hinein, wobei teils eigene und teils fremde Erfahrungen beleuchtet werden. Es wäre meines Erachtens sinnvoller, statt einen scheinbaren Wandel  zu verfolgen, Überlegungen zu eigenen schamanischen oder mystischen Prozessen differenziert von theoretischen Erörterungen hierüber zu betrachten. Dazu wäre es ratsam, die spirituellen Erfahrungen aus Mystik und Schamanentum zu sammeln und einander gegenüberzustellen. Bestimmte Überlegungen entstammen verschiedenen Prozessen und sind über alle Zeiten und Kulturen hinweg vergleichbar.

So etwa stammt die griechische Vorstellung der im ganzen Körper befindlichen Seele aus sowohl schamanischen Séancen wie mystischen Seelenwanderungen. Während einer solchen Wanderung erhält die Vitalseele den Körper in seinen Grund-Lebensfunktionen aufrecht, während die Freiseele reist oder wandert, dabei beobachtet, denkt und fühlt. Es sind somit sinnliche Erfahrungen außerhalb des Körpers möglich. Darüber lässt sich schreiben und diskutieren, was in früheren Zeiten, ohne die Lichtgestalt in Frage zu stellen, dann auch mit großem Ernst verfolgt wurde.

Unterschiedliche Ansätze und Einblicke ergeben sich des Weiteren aus verschiedenen, oft kindlichen „Schlüsselerlebnissen“, die auch “ Knotenpunkte des Lebens“ genannt werden. Zarathustra sprach von „Kindheitswundern“, denn viele Begebenheiten werden erst durch die verwunderten Augen eines Kindes zu prägenden Vorkommnissen. Sicher wenig verwunderlich ist es dann, herauszufinden, dass unterschiedliche Erlebnisse verschiedene Einsichten in der Auflösung nach sich ziehen.

Das Erlebnis mit den meisten Erkenntnissen über die Seele (oder das Göttliche in uns) erfahren Frau und Mann in der Auflösung des Schwangerschaftsabbruchs. Das hat Friedrich Nietzsche bewogen, im „Zarathustra“, Kapitel „Von alten und jungen Weiblein“ auszuführen: „Alles am Weibe ist ein Rätsel und alles am Weibe hat Eine Lösung: sie heißt Schwangeschaft.“ Und über den eigenen Weg zu den verschiedenen Erkenntnissen in „Die sieben Siegel“: „Selig aber ist der also Schwangere!“ Nietzsche gelangte also ebenso über das Mitleiden mit einer Frau zu seinen Erkenntnissen wie Goethe im „Faust, Teil 2“, wo ihm Humunkulus in der Phiole zum Sinnbild seines Ringens mit sich selbst wird. Was dabei heraus kommt? Die Seele ist von Gott geboren, sie ist im ganzen Körper vorhanden, sie ist dualer Natur (männlich-weiblich), sie ist unsterblich und sie strebt nach Rückvereinigung mit dem Göttlichen.

Daraus wird ersichtlich, warum es erkennbar keine Kultur auf dieser Erde ohne Religion gab. Es wird deutlich, warum es zwei Wege gibt (nämlich weiblich/Mystik und männlich/Schamanentum), die nur durch einen Seelenentscheid voneinander getrennt sind und warum sich alle Glaubenslehren am Ende auf diese zwei Wege zurückführen lassen. Hermann Hesse empfiehlt im Übrigen denn auch  im „Steppenwolf“, wegen der erwünschten Rückkehr der Seele, nicht die schöne Frau – die weibliche Teilseele – in sich zu töten, weil man ansonsten im ‚Magischen Theater‘ verbliebe. In der Tat also springen uns Literaten zur Seite, ich könnte Ihnen noch mehr nennen, wenn es darum geht, unser Leben zu meistern und unser Ziel in der Welt zu erreichen. Denn zu helfen, wo es geht, haben sie manchem Religionsstifter voraus, der um des eigenen Ruhmes willen Mitmenschen von göttlicher Selbsterkenntnis und göttlicher Erkenntnis abschnitt.

Die göttliche Abkunft der dualen – männlich-weiblichen – Seele lässt sodann umgekehrt Rückschlüsse auf das Göttliche selbst zu. Unabhängig von den bestimmten Prozessen innewohnenden Anschauungen über das Göttliche (Gott=Mann, Gott=Frau, Gott=Unbestimmtes Absolutes) ist Gott in ihrer Tiefe eine Trinität aus Frau-Mann und Liebe. Ich verweise an dieser Stelle gerne auf den 42. Spruch des Kollegen Laotse in der Übersetzung des Erwin Rosselle, denn letzterer war Mystiker, anders als viele andere Übersetzer des „Taoteking“. (Man geht schließlich auch nicht in eine Bäckerei, wenn man wissen will, wie der Metzger Wurst macht.)

Aus diesen Überlegungen heraus, bitte ich also vorab zu prüfen, ob sich in den Texten Anhaltspunkte für eigenes Erleben der Autoren finden lassen oder ob man sich lediglich über fremde Erlebnisse austauscht. Dazu notiert, bieten insbesondere die Märchen der Brüder Grimm eine weitere, wunderbare Quelle für Schlüsselerlebnisse und deren Auflösung. Offenbar waren sich die „einfachen Leute“ sehr bewusst, dass ihnen die hiesigen Religionen keine Möglichkeit zur persönlichen Entwicklung boten, sonst wären uns nicht Märchen zu diesen Themen in so großer Zahl übermittelt worden.

Sei mir zuletzt noch der Hinweis auf meine Veröffentlichungen bei Amazon und insbesondere auf meine Webseite „forum-freie-mystik.de“ gestattet. – MfG

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