Traummann sucht Traumfrau

schrieb am 21.05.2011 - Lebensgeschichte, Lebenshilfe, Pamphlet, Persönliches - Noch keine Kommentare

Traummann sucht Traumfrau, als ob es das gäbe. Die meisten Beziehungen werden von Menschen geschlossen, die sich noch nicht einmal bemühen. Und Beziehungen von Traumpartnern kennen ja zumeist nur den Akt der Selbstbestrafung. Für mich war und ist das der Grund, allein zu sein, wobei ich mir hinsichtlich der Möglichkeit, selbst „Traumpartner“ sein zu können, sehr wohl bewusst bin, für die meisten Frauen gar kein Traummann zu sein. Kollege Nietzsche war im Übrigen bereits im Zarathustra zu diesem Thema mit guten Ideen unterwegs. Statt mir daher noch einmal selbst etwas zum Thema aus den Fingern zu saugen, möchte ich stattdessen aus Friedrich Nietzsches, „Also sprach Zarathustra“, Kap. „Von Liebe und Ehe“ zitieren dürfen. Der Text sprach mich im Übrigen bei der ersten Lektüre genauso an, als wäre er nur für mich geschrieben worden.

Traummann sucht Traumfrau, Nietzsche wusste, worauf es ankommt.

Von Liebe und Ehe verstand er mehr, als viele Verheiratete heutzutage

„Ich habe eine Frage für dich allein, mein Bruder: wie ein Senkblei werfe ich diese Frage in deine Seele, das ich wisse, wie tief sie sei. Du bist jung und wünschest dir Kind und Ehe. Aber ich frage dich: bist du ein Mensch, der sich ein Kind wünschen darf?
Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne, der Herr deiner Tugenden? Also frage ich dich.
Oder redet aus deinem Wunsche das Tier und die Notdurft? Oder Vereinsamung? Oder Unfriede mit dir?
Ich will, dass dein Sieg und deine Freiheit sich nach einem Kinde sehne. Lebendige Denkmale sollst du bauen deinem Siege und deiner Befreiung. Über dich sollst du hinausbauen. Aber erst musst du mir selbst gebaut sein, rechtwinklig an Leib und Seele. Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf! Dazu helfe dir der Garten der Ehe! Einen höhern Leib sollst du schaffen, eine erste Bewegung, ein aus sich rollendes Rad, – einen Schaffenden sollst du schaffen.“

Ganz ordentlich hohe Ansprüche, die Nietzsche formulierte. Doch inzwischen bin ich tatsächlich dahin gelangt, rechtwinklig gebaut an Leib und Seele. Rechtwinklig gebaut am Leib, gefällt mir beim Blick in den Spiegel wohl weniger, doch das Zweite ist ganz nach meinem Geschmack. Denn so viel ein einzelner Mensch über Gott und Seele für sich in Erfahrung bringen kann, wollte ich für mich wissen, und das Ziel habe ich erreicht. Dabei habe ich mit jeder Runde der Überarbeitung meiner Bücher über mich hinaus gebaut, wie Nietzsche es einfordete, um damit zugleich ein aus sich rollendes Rad zu schaffen. Doch nichts wurde es mit dem von Nietzsche „zur Hilfe genehmigten Garten der Ehe“. Es blieb mir lediglich eine Art Ersatzfamilie, nämlich „meine“ Künstlergruppe. Nun denn, jetzt bin ich in dem Alter, in dem Nietzsche starb. Damit könnte ich zugleich einem Kind nicht nur der Vater, sondern gleich dazu der Großvater sein, ein echter „Pepe“ eben, wie man Großväter väterlicherseits in Frankreich nannte (heute veraltet). Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn die Zeit eine andere gewesen wäre. Denn vor zwanzig, dreißig Jahren gab es keine Handy-Süchtigen, keine Internet-Junkies und man begegnete sich noch bei Veranstaltungen oder im Kaufhaus. Damals hätte es passieren können und das dann mit dem Kopf von heute, das wäre es gewesen. Naja, noch einmal zurück zu Friedrich Nietzsche:

„Ehe: so heiße ich den Willen zu zweien, das Eine schaffen, das mehr ist, als die es schufen. Ehrfurcht voreinander nenne ich Ehe als vor den Wollenden eines solchen Willens. Dies seien der Sinn und die Wahrheit deiner Ehe. Aber das, was die Viel-zu-Vielen Ehe nennen, diese Überflüssigen, – ach, wie nenne ich das?
Ach, diese Armut der Seele zu zweien! Ach, dieser Schmutz dieser Seele zu zweien! Ach, dies erbärmliche Behagen zu zweien! Ehe nennen sie dies alles; und sie sagen, ihre Ehen seien im Himmel geschlossen. Nun, ich mag ihn nicht, diesen Himmel der Überflüssigen! Nein, ich mag sie nicht, diese im himmlischen Netz verschlungenen Tiere!
Fern bleibe mir auch der Gott, der heranhinkt, zu segnen, was er nicht zusammenfügte! Lacht mir nicht über solche Ehen! Welches Kind hätte nicht Grund, über seine Eltern zu weinen?“

Selbst wenn das grob klingt und böse ist, hat er nicht unrecht. Denn tatsächlich hocken die meisten beieinander und kennen noch sich selbst nicht. Oft wird nur die körperliche Entwicklung gesehen (kann man doch nichts kaputtmachen, ist auch alles dran). Dennoch kann der andere beschädigt oder zerstört werden, weil etwa schon der eine der beiden viel weiter ist, als der andere. Einen Partner muss man deshalb mit Bedacht wählen. Und Kollege Nietzsche wusste dazu ebenfalls aus eigener Anschauung beizusteuern:

„Würdig schien mir dieser Mann und reif für den Sinn der Erde: aber als ich sein Weib sah, schien mir die Erde ein Haus für Unsinnige. Ja, ich wollte, dass die Erde in Krampten bebte, wenn sich ein Heiliger und eine Gans miteinander paaren. Dieser ging wie ein Held auf Wahrheiten aus und endlich erbeutete er sich eine kleine geputzte Lüge. Seine Ehe nennt er’s.
Jener war spröde im Verkehr und wählte wählerisch. Aber mit einem Male verdarb er sich für alle Male seine Gesellschaft: seine Ehe nennt er’s.
Jener suchte eine Magd mit den Tugenden eines Engels. Aber mit einem Male wurde er die Magd eines Weibes, und nun täte es Not, dass er darüber noch zum Engel werde.
Sorgsam fand ich jetzt alle Käufer, und alle haben listige Augen. Aber seine Frau kauft auch der Listigste noch im Sack. Viele kurze Torheiten – das heißt bei euch Liebe. Und eure Liebe macht vielen kurzen Torheiten ein Ende, als Eine lange Dummheit. Eure Liebe zum Weibe und des Weibes Liebe zum Manne: ach, möchte sie doch Mitleiden sein mit leidenden und verhüllten Göttern! Aber zumeist erraten zwei Tiere einander. Aber auch noch eure beste Liebe ist nur ein verzücktes Gleichnis und eine schmerzhafte Glut. Eine Fackel ist sie, die euch höheren Wegen leuchten soll.
Über euch hinaus sollt ihr einst lieben! So lernt erst lieben! Und darum musstet ihr den bitteren Kelch eurer Liebe trinken. Bitternis ist im Kelch auch der besten Liebe: so macht sie Sehnsucht zum Übermenschen, so macht sie Durst dir, dem Schaffenden! Durst dem Schaffenden, Pfeil und Sehnsucht zum Übermenschen: sprich, mein Bruder, ist dies dein Wille zur Ehe? Heilig heißt mir solch ein Wille und solche Ehe. – Also sprach Zarathustra“

Der „Übermensch“ ist eine oft missverstandene Formulierung, bedeutet im Sinne des Kollegen die erfolgreiche Selbstbezwingung, die Überwindung der eigenen Geschichte, um daraus Weisheit zu schöpfen. Zugleich erlangt derjenige Gewissheit um göttliche Aufnahme, wird sozusagen „fit für den Austritt aus dem Geburtenkreislauf“ und eben deshalb zum „Übermenschen“. Der Rest des Textes mag dahinstehen, er vertieft im Wesentlichen die bereits zu Beginn postulierten Forderungen an die Persönlichkeitsentwicklung.
Das schließlich ist ebenso mein Anspruch, muss leider mein Anspruch sein, selbst wenn mir bewusst ist, dass selbst der Listigste noch seine Gattin im Sack kauft. So bleibt die Hoffnung (die bekanntermaßern zuletzt stirbt), dass es irgendwo eine Weib geschafft haben möge, den eigenen Weg zu finden – und Interesse an mir und an einer großen Aufgabe hat. Und für die hätte ich noch meine früheren Überlegungen zur Ehe, natürlich nur zur Abschreckung.

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