Taoteking – welcher Übersetzer?

schrieb am 09.08.2015 - Literatur, Philosophisches - Noch keine Kommentare

Taoteking – welcher Übersetzer soll es sein? Dies ist tatsächlich eine Kardinalfrage soll aus Sicht des Mystikers: Zu welcher Übersetzung des Taoteking (Tao-Te-King) aus der Feder des Laotse greife man? Zur Beantwortung betrachten wir uns zunächst einmal die Personen der Übersetzer selbst, wobei übrigens alle Angaben zu ihnen der Internet-Enzyklopädie Wikipedia entnommen sind.

Richard Wilhelm wurde am 10. Mai 1873 in Stuttgart geboren, war ein protestantischer Theologe, Missionar und Chinawissenschaftler (Sinologe). Seine Übersetzung fand bislang die weiteste Verbreitung und größte Anerkennung. Dabei scheint es nicht zu stören, dass er seine protestantisch, missionarische Grundhaltung in die interpretierende Übersetzung seines Tao-Te-King einfließen ließ. Dass er dabei zum Teil wirklich ansprechende und des Nachdenkens werte Texte schuf, sei nicht verschwiegen.

Günter Debon wurde am 13. Mai 1921 in München geboren und war ebenfalls ein deutscher Sinologe. Seine Übersetzung ist mir als Mystiker zu wuselig und erscheint mir oft noch unverständlicher als die des Richard Wilhelm. So findet sich etwa bei Debon der dem Schamanentum zuzurechnende, bei Rousselle auch klar als schamanisch gekennzeichnete 6. Spruch, als ein solcher zur mystischen Weltsicht. Debon offenbart an dieser Stelle bereits, dass er keine klaren Grenzen zwischen den beiden alten Wegen ziehen kann. Das ist für mich hinsichtlich seiner Übersetzung bereits das KO-Kriterium ersten Ranges.

Taoteking - welcher Übersetzer? Das Bild zeigt übrigens Laotse auf dem Weg in die Emmigration

Das Taoteking entstand bei Laotses Auswanderung, so die Geschichte

Als Mystiker sehr gut arbeiten, kann und konnte ich dagegen mit der Übersetzung von Erwin Rousselle. Rousselle wurde am 08. April 1890 in Hanau geboren, war deutscher Sinologe und Freimaurer. Er promovierte 1916 in Philosophie und 1921 in Rechtswissenschaften. Wikipedia würdigt Erwin Rousselle mit den Worten: „Erwin Rousselle war neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten ein praktizierender Mystiker, der nicht nur in der buddhistischen und daoistischen Welt verkehrte, sondern auch unter anderem als Diakon für ein positives Christentum von ökumenischer Breite und universalistischer Weite wirkte. Sein Leben war durch lebendige Gotteserfahrung geprägt, die ihn für ein gegenseitiges Verständnis aller Religionen auf Erden eintreten ließ.“ Allein aus diesen Gründen bereits, nämlich dass Rousselle selbst ein Mystiker war (der als Mystiker die Spruchdichtung des Mystikers Laotse übersetzte) und er dazu weltoffen und eben kein protestantischer Missionar war, lassen mich Ihnen zum ‚Taoteking – welcher Übersetzer?‘ Erwin Rousselle und seine Übersetzung des Tao-Te-King empfehlen.

Bevor ich gleich noch einige Beispiele anfüge, zu meiner Person: Ich gab für Erkenntnisse beide Seelenteile aus. Der männliche Teil wurde mir, nachdem ich diesen getötet hatte, von Gott-Frau aus der Brust gezogen. Der weibliche Seelenteil wurde später in meinem Körper verbrannt. Erst nach Monaten der Seelenlosigkeit wurde meine Seele in meinen Körper zurückgeboren. Hafis nannte das Seelenopfer Rettungsmittel und dichtete: „Bin ich lebend ohne Leben, mag es wunder dich nicht nehmen. Denn wer würd’ der Trennung Stunden rechnen zum Betrag des Lebens.“ Und Goethe im Faust zum Weg: „Sprich nur dich selbst aus, wird schon Rätsel sein, versuch einmal dich innigst aufzulösen, dem frommen Manne nötig wie dem bösen.“ (Auflösen der Bande beider Seelenteile, um erst den einen zu töten, bevor es den anderen erwischt. Doch weiter:) „Dem ein Plastron, asketisch zu rapieren,“ (Ausbeinen der getöteten männlichen Seele aus der Brust) Kumpan dem anderen, Tolles zu vollführen (Ausbrennen des weiblichen Seelenteils), und beides nur, um Zeus zu amüsieren.“ Was ich damit begreiflich machen möchte, ist, dass ich Literatur auf Augenhöhe mit den großen Literaten und Mystikern bespreche. Deshalb versichere ich Ihnen zugleich aus dieser Warte, dass Sie mit der Übersetzung des Erwin Rousselle den besseren Griff machen.

Anhang: Stellvertretend seien zwei kurze Beispiele genannt, in denen die Übersetzung Rousselles nachvollziehbar überlegen erscheint. Im 41. Spruch unterscheidet Rousselle die drei Meisterschaftsstufen des Mystikers nach deren Gottesbild. Der niedere Meister (Mose, Mohammed) ist mit einem männlichen Gottesbild unterwegs, der mittlere Meister ist hierzu indifferent, weil er Gott als etwas unpersönlich Absolutes wahrnahm (Buddha, Mahavira, Meister des Hinduismus). Der hohe Meister (der Gott als Frau im Prozess erfahren hat) nimmt Gott als Mutter der Seele an und lässt sich von ihr führen. Bei Richard Wilhelm ist es nicht Gott, sondern ein irgendwie gearteter Sinn, von dem ein Weiser hören soll, was jedoch keinen Sinn ergibt. Denn Gott kann nicht mit dem Sinn gleichgesetzt werden. Und bei Günter Debon soll es ein Weg sein, der zu Meisterschaften befähigt. In der Tat sind es zwar verschiedene Wege zu verschiedenen Meisterschaftsstufen, die sich aus verschiedenen Schlüsselerlebnissen und deren Auflösung ergeben. Am Ende steht jedoch ein jeweils anderes Gottesbild, sodass sich mit der Einsicht in der Übersetzung von Erwin Rousselle auf den Weg und das Schlüsselerlebnis zurückschließen lässt. Also: Taoteking – welcher Übersetzer? Erwin Rousselle natürlich!

Im folgenden 42. Spruch lässt Richard Wilhelm den Sinn das Gottesbild schaffen. Günter Debon muss zwangsläufig den Weg zum Schöpfer des Gottesbildes werden lassen. Dagegen findet sich bei Erwin Rousselle Gott als Frau als ewige Kraft wieder. Aus ihr geht die Einheit einer Trinität hervor, nämlich Frau – Mann – Liebe. Letztere erschafft die zehntausend Wesen (die Menschheit), sodass göttliche Liebe den Menschen gegenüber offenbar wird. Diese Dreieinigkeit relativiert – und deshalb folgt der 42. Spruch unmittelbar dem 41. Spruch – die zu beginn postulierte Weiblichkeit als Schöpferin. Das ist – bitteschön – ewig reproduzierbare und damit nachvollziehbare Mystik. Noch einmal: Taoteking – welcher Übersetzer? Erwin Rousselle natürlich und damit zu einem letzten Beispiel:

Weil sich an die Beschreibung des Gottesbildes im 42. Spruch der Hinweis nachgetragen findet, dass die zehntausend Wesen rückwärts das Dunkle tragen, wissen wir mit Erwin Rousselle zugleich, wie für Erkenntnisse aufzulösen ist, nämlich rückwärts. Hierzu verweise ich auf das Märchen „Die Sterntaler“, wo das (Gottes-) Kind rückwärts die angelegte Kleidung ablegt, um letzten Endes das himmlische Gewand zu empfangen (s. a. die Buchbesprechung zu „Mystisches Deutschland„). Deshalb heißt es bei Erwin Rousselle: „Es erlangen die gewalttätigen Balkenstarken nicht ihren eigenen Tod.“ Das bedeutet, ich verweise noch einmal auf den oben beschriebenen Weg der Tötung der Seelenteile, dass Leute die andere umbringen und nicht die eigene Seele für Erkenntnisse ausgeben, nicht das Himmelreich erlangen werden. Hafis: Seelenopfer = Rettungsmittel, Goethe: Dem frommen Manne nötig wie dem Bösen. Ein letztes Mal daher: Taoteking – welcher Übersetzer? Erwin Rousselle selbstredend.

Richard Wilhelm übersetzte stattdessen: „Die Starken sterben nicht eines natürlichen Todes.“ Und Günter Debon meinte wuselig: „Der Balkenstarke stirbt keinen guten Tod.“ Was für ein Scheiß!

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