Mystik und Fünfsatz

Der Fünfsatz ist ein Gliederungsschema, welches häufig und gut zum argumentierenden Sprechdenken verwendet werden kann. Auf einen Einleitungssatz folgt ein Hauptteil (etwa aus These, Antithese und Synthese), der mit einem Schlusssatz, etwa einer Forderung abgeschlossen werden kann. Dieser Fünfsatz fand sich bei meinen Arbeiten häufig wie von selbst und tatsächlich hat das (despektierlich) Fünf-Finger-Gliederungsschema nicht nur Vorteile bezüglich des Schreibens, des argumentierenden Sprechens sowie des Behaltens etwa eines Erzählstranges, es findet sich in der Mystik in Aufzählungen allenthalben wieder. Besehen wir uns daher noch einmal einige grundlegende Strukturen in der Mystik etwas näher.

Wir kennen (mit der Mystik verbunden gebliebene) Mystiker als Religionsstifter, Kontemplationslehrer, Literaten, Philosophen und Märchenautoren (respektive Erzähler eigener Märchen). Unter ihnen glaubten allein die Religionsstifter, die einzig gültige Wahrheit zu besitzen. Deshalb forderten sie oft nicht mehr ein, als ihnen im Gebet nachzufolgen. Dieser Ansatz war und ist im hohen Maße kontraproduktiv, denn Menschen werden – allein betend – von eigener Erkenntnis abgeschnitten. Nicht nur aus diesem Grunde, sondern weil es der einzig richtige Weg ist, haben es sich daher alle anderen Mystiker zur Aufgabe gesetzt, den Mitmenschen Hilfen zur Selbstentwicklung zu bieten. Wenn Sie also von der Berufung eines Mystikers erfahren, rechnen Sie nicht gleich mit dem Schlimmsten (nämlich mit einem neuen Religionsstifter, das wäre ohnehin anachronistisch). Vielmehr dürfte es sich um einen Kontemplationslehrer, Literaten, (mystischen) Philosophen oder um einen Märchenerzähler handeln. Diese sind auch deshalb in aller Regel nicht ähnlich bescheidenen Gaben gesegnet wie die Religionsstifter. Sie verfügen stattdessen oft über weitaus mehr Erkenntnisse als die Religionsstifter, sind besser ausgebildet, denken dazu strukturiert und selbstkritisch und sind auf Hilfestellungen und damit ihre Entwicklung ausgerichtet. Wenn Sie großes Glück haben, finden Sie sogar einen Philosophen, der alles kann und sich noch nicht von der Mystik verabschiedet hat (weil es ja normalerweise nur eine zeitweise Beschäftigung des Menschen ist, um etwas über göttliche Aufnahme zu erfahren). Das im Übrigen nicht jedes „Mantra“ eines Kontemplationslehrers, nicht jeder von Mystik untermalte Roman oder nicht jedes Märchen für oder auf die eigene Lebensgeschichte passt, dürfte darüber hinaus selbstverständlich sein.

Fünf verschiedene Arten von Mystikern können ihre Weisheit auf fünf verschiedenen Meisterschaftsstufen erreicht haben. Niedere Meister (wie etwa Moses oder Mohammed) erfuhren für sich nur ein Gottesurteil und das aufgrund der Tötung eines Menschen, ob nun in Notwehr oder doch bewusst und gewollt. Eine zweite Gruppe (nach dem bereits erwähnten Gliederungsschema des Laotse) bilden die Mittleren Meister (wie etwa Buddha, der Mahavira oder die meisten „heiligen Männer“ im Hinduismus). Als Opfer sexueller Gewalt müssen sie zur Auflösung auf die Täterseite wechseln und dürfen Gott – weil irgendwie Täter – deshalb nicht schauen. Ebenso der Mittleren Meisterschaft zuzurechnen sind vermeintliche Täter (nach Laotse den ersten gleichgestellt), denen eine Gottesanschauung aber durchaus möglich ist (gute Beispiele sind hier Parmenides, Descartes oder Hesse). Spannender als die beiden ersten Gruppen ist schließlich die Gruppe der Hohen Meister und Rätselmeister, wobei beide entweder Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Tod zusammenfassten oder aber sich der Auflösung der Abtreibung zuwendeten. Je nach persönlicher Betroffenheit in den Erlebnissen und je nach Auflösungsweg können ein Gottesurteil um göttliche Aufnahme der Seele sowie Anschauungen zum Göttlichen selbst erfahren werden. Dabei erlangen Rätselmeister aufgrund eines Martyriums (ohne Betroffenheit in dem aufzulösenden Erlebnis) natürlich mehr an Einsichten als jemand, der darin verstrickt war. Noch einmal zusammengefasst: Nach Laotse sind es wohl nur drei Stufen der Meisterschaft (was dennoch zum Schnelltest taugt), genau betrachtet sind es dagegen fünf, unterschieden nach Schlüsselerlebnissen, Auflösungswegen und dem Umfang der Erkenntnisse.

Betrachten wir uns nun die Religionen selbst: Hier waren es nicht allein Mystiker, die Religionen „stifteten“, es taten sich noch andere Gruppen hervor. Neben den Mystikern, die in einer inneren Auseinandersetzung mit sich um Erkenntnisse rangen, waren vor allem Schamanen Stifter einer Lehre. Diese reisten mit der Seele, statt für sich den inneren Kampf aufzunehmen: Despektierlich gesprochen, „liefen sie vor sich selbst weg“. In alter Zeit haben Schamanen dennoch aufgrund ihres seelischen Einsatzes erhebliches Wissen auf die Erde transportieren können. Als noch keine schriftlichen Aufzeichnungen existierten, waren ihre Reisen zu den Geistern wichtig, damit die von Menschen irgendwo auf der Welt erworbenen Kenntnisse für die Menschheit nicht verloren gingen. Ihrer Reisen bedarf es im Grunde heute jedoch aufgrund unserer Wissensvermittlungs- und Speichermöglichkeiten nicht mehr. Ebenso machen Okkultismus und Spiritismus keinen Sinn mehr. Ohnehin darf man ein solches „Wissen“, erworben von Menschen, die den Mut nicht aufbrachten, selbst mit der Seele zu reisen, nur mit Vorsicht genießen. Denn mangels eigenen Einsatzes der Seele waren nicht nur die Einsichten von Okkultisten und Spiritisten von geringerer Qualität als das der Schamanen, sie wurden nicht selten von Geistern (aus dem Zwischenreich des Ach) betrogen, die es nicht gut mit den Menschen meinten. Zur Erinnerung: Im Zwischenreich des Ach (um die altägyptische Terminologie beizubehalten) finden sich solche „Seelen geparkt“, die noch einmal oder mehrmals zu ihrer weiteren Vervollkommnung auf die Erde geboren werden müssen. Die beiden letzten der erneut fünf Gruppen bilden (noch heute) Priester einerseits und Philosophen ohne eigene Erkenntnisse andererseits. Während erstere mit Hokuspokus eine Verbindung zum Göttlichen vorgaukeln, um sich bequem und ohne körperliche Arbeit aushalten zu lassen, sind letztere zumeist dort unterwegs, wo das geringe Wissen eines Niederen oder Mittleren Meisters nicht ausreicht, die Welt zu erklären.

Neben diesen fünf Gruppen von Menschen, die sich alleine oder im Verbund mit der Schaffung einer Religion beschäftigten, ergänzen weitere vier (mal fünf) Punkte das so genannte „Mystische System“, mit dessen Hilfe der Sinn des Lebens sowie die Welt erklärt, zugleich aber auch Handlungsstrategien (im Groben) aufgezeichnet werden können. So finden sich zunächst fünf Erkenntnisse über die Seele selbst, gefolgt von fünf Einsichten zu den verschiedenen Erkenntnisebenen. Fünf verschiedene Formen zeigen hernach das oben bereits erläuterte Schema zu den Religionsstiftungen und damit Einsichten über das Funktionieren der Welt auf. Ihm folgen fünf Forderungen an die Menschen selbst sowie fünf Aufgaben für die Politik, die bis zum Ende aller Tage der Menschheit auf diesem Planeten zu beachten sind.

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