Von „wahren Gotteskriegern“

Sehr geehrte Damen und Herren,

erfreut habe ich von Ihrer Aktion „Die Welt gehört denen, die neu denken“ durch die Radiowerbung von WDR II Kenntnis erhalten. Natürlich möchte ich in diesem Zusammenhang wissen, wie viel ehrliche Aussage hinter ihrer Eigenwerbung steckt, sodass ich noch einmal „zur Feder gegriffen habe“. Bekannt dürfte meine Person ja sein. Bezüglich meiner Pressetexte sei verwiesen auf meine Webseite ritter-pitter.de, dort die „Presseerklärungen“ oder das „Archiv 2012“.

Friedrich Nietzsche

Der unbekannte Rätselmeister: Friedrich Nietzsche

Wegen des Ausspruchs: „Gott ist tot“ vermutet die Wissenschaft in Nietzsche den Atheisten. Und weil er sich unter anderem vehement gegen die Religionen wendete, sieht man in ihm zugleich den Nihilisten. Nichts von dem aber ist wahr, denn Nietzsche war Mystiker. Im Grunde müsste seine vorgenannte Aussage erweitert werden zu: „Gott ist tot. Es lebe die Große Mutter“. Das mag (ungerechtfertigt) Erheiterung hervorrufen. Dennoch: Auch wenn hier eine ausführliche Kommentierung des „Zarathustra“ nicht möglich ist, seien mir einige erklärende Worte gestattet.

Nietzsche berichtet im „Zarathustra“ von seinem Leidens- und Erkenntnisprozess, im ersten und zweiten Teil doppelt, im dritten Teil einfach verschlüsselt. Die Erlebnisse und Einsichten sind im vierten Teil in dichterischer Freiheit offen dargestellt. Dabei hat er beide Seelenteile für Erkenntnisse geopfert und ist ausgebrannt: „Aus der eigenen Asche und Glut kam es mir, dieses Gespenst (toter Seelenkörper), und wahrlich, nicht kam es mir von jenseits! Was geschah, meine Brüder? Ich überwand mich, den Leidenden, ich trug meine Asche zu Berge, eine hellere Flamme erfand ich mir. Und siehe! Da wich das Gespenst von mir!“ oder „Dies nämlich ist das Geheimnis der Seele: Erst, wenn sie der Held verlassen hat, naht ihr im Traume – der Über-Held“. Dazu Hafis: „Meine Seele geb’ ich dankbar aus, wenn jene Perle zart, um zu ruhn, die Brust von Hafis zu ihrer Muschel macht“ oder: „Bin ich lebend ohne Leben, mag es wunder dich nicht nehmen, denn wer würd’ der Trennung Stunden, rechnen zum Betrag des Lebens.“

Nietzsche litt zunächst mit einer Frau um die Abtreibung, dann um eigener Erkenntnis willen. „Selig ist der also Schwangere“ oder: „Alles am Weibe ist ein Rätsel und alles am Weibe hat eine Lösung: Sie heißt Schwangerschaft“ oder „Nie fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, es sei denn, dieses Weib, das ich liebe, denn ich liebe dich, o Ewigkeit“ oder „Dass der Schaffende selber das Kind sei, das neu geboren werde, dazu muss er auch die Gebärerin sein wollen und der Schmerz der Gebärerin.“

Bezüglich des von ihm geliebten Weibes handelt es sich um ein klares Bekenntnis zu der Frau, die auch seine Seele gebar. Freundlicherweise unterrichtet er uns in „Das Tanzlied“ (erinnert nicht zufällig an Goethes „Walpurgisnacht“ im Faust II) weiter über ihre Selbstdarstellung: „Aber veränderlich bin ich nur (eine Trinität aus Frau-Mann-Liebe, siehe hierzu auch: Laotse, 42. Spruch) und wild und in allem ein Weib, und kein tugendhaftes. Ob ich euch Männern <die Tiefe> heiße oder <die Treue>, <die Ewige>, <die Geheimnisvolle>“ … „Also lachte sie, die Unglaubliche, aber ich glaubte ihr niemals und ihrem Lachen, wenn sie bös von sich selber spricht.“ … „Veränderlich ist sie und trotzig; oft sah ich sie sich die Lippe beißen und dem Kamm wider ihres Striches Haar führen“ oder „Vielleicht ist sie in allem ein Frauenzimmer, aber wenn sie von sich selbst schlecht spricht, da gerade verführt sie am Meisten.“  Und wie die Große Mutter mit ihm kommunizierte, beschrieb er mit: „Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: Was liegt an ihrem Spotte! Du bist einer, der das Gehorchen verlernt hat; nun sollst du befehlen.“

Nietzsche wendet sich gegen alte Gottesbilder und spricht, wo er sich als Gottlos bezeichnet, als Seelenloser während des Erkenntnisprozesses zu uns. Zugleich verrät er uns mehrfach, dass er ihrem Willen folgt und verführt: „Und nicht die Führer aus der Gefahr gefallen Euch am Besten, sondern die Euch von allen Wegen abführen, die Verführer“ oder singend als alter Zauberer: „Ein Tier, ein listiges, raubendes, schleichendes, das lügen muss, das wissentlich, willentlich lügen muss, nach Beute lüstern, bunt verlarvt, sich selber Larve, sich selbst zur Beute…“ Und über seine Auftraggeberin: „Mutig, unbekümmert, spöttig und gewalttätig – so will uns die Weisheit: sie ist ein Weib und liebt immer nur den Kriegsmann.“ Deutliche Worte, dass Nietzsche als „wahrer Gotteskrieger“ in ihren Diensten stand. Auch nur solche will sie, Männer mit Verstand, mit Herz, charakterfest und gewillt, für Erkenntnisse (zeitweise) die eigene Seele zu opfern. Keineswegs will sie Vollidioten, die religiös verblendet, sich und andere – körperlich – töten. Denn dass ein solcher Tod sinnlos ist, weil er nämlich Mitmenschen von Erkenntnis und damit der möglichen Rückkehr zu ihr abschneidet, ergibt sich bereits aus der Auflösung des Schlüsselerlebnisses „Mord“.

Stellt sich die Frage, warum ein „wahrer Gotteskrieger“, ein selbst ernannter „Rätselrater und Erlöser des Zufalls“ von Gott gewollt, uns zu verführen suchte. (Laotse, 41. Spruch: „Hört ein Hoher Meister von der Führerin des Alls, so wird er angeregt und handelt entsprechend.“) Die Antwort lautet: Weil die Große Mutter möchte, dass wir zu ihr zurückkehren können. Alle Religion wurde „erfunden“, weil die von Gott geborene Seele zu Gott zurückkehren möchte. (Goethe, Faust II: „Das ewig Weibliche zieht uns hinan“). Dennoch klammert die Ewige nicht, sie stellt es uns Kindern als gute Mutter frei, uns für oder gegen sie zu entscheiden. Hier trägt die Zerstörung des alten Gottesbildes durch Nietzsche mit dazu bei, dass wir die emotionale und geistige Freiheit zu einem solchen Entscheid erlangen. Selbstverständlich müssen wir mit Bildung unseren Teil dazu beitragen, diesen Prozess zu durchstehen.

Nietzsches „Zarathustra“ also können Sie wie Goethes „Faust“ als eine Anleitung sehen, sich selbst zu finden. Letzterer empfahl dort dem „Schüler“ durch „Mephistopheles“, statt religiöser Lehren lieber einem Meister (nämlich ihm selbst) zu vertrauen. Warum auch sollte er an jemand anderen verweisen, wenn nicht an sich selbst? Schließlich löste er mit dem Weber-Meisterstück das Christentum auf und listete im „Wilhelm Meister“ alle Schlüsselerlebnisse für den Prozess zur Hohen Meisterschaft/Rätselmeisterschaft. Insbesondere mag hier die Schilderung des Gespenstes auf der Bühne im fünften Buch benannt sein, eine klare Schilderung für eine (schamanische) Seelenwanderung.

Würden im Übrigen unsere Wissenschaftler, statt nur die Nasen in staubige Bücher zu stecken, sich selbst auf den Weg zur Erkenntnis begeben, sie hätten längst bemerkt, dass Nietzsche über Mystik schrieb, der „Faust“ und nicht „Wilhelm Meister“ Goethes Hauptwerk ist und – dass Paulus eine Seelenwanderung und keine mystische Emporhebung seiner Seele beschrieb, deren Missinterpretation ihn zur Annahme einer körperlichen Wiederauferstehung brachte. Aber was soll man von Wissenschaftlern erwarten, die nicht strukturiert nach Mystik und Schamanentum unterscheiden, stattdessen erforschen, wie Esra vier Überlieferungen zur Bibel verwebte. Was will man mit Wissenschaftlern, deren Bundesministerin höchst selbst sich mit ihrer Doktorarbeit Plagiatsvorwürfen ausgesetzt sieht. Vor so viel geistiger Armut würde ich am Liebsten kotzen.

Mit freundlichen Grüßen

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