Zu Mohammeds Erkenntnis

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich höre so gar nichts von Ihnen. Hat Ihnen mein letztes Schreiben die Sprache verschlagen oder fühlen Sie sich durch „Sachzwänge“ gehindert? – Vielleicht darf ich Ihnen aus meiner Sicht einmal Gedanken zu einem tatsächlichen Sachzwang darlegen.

Beginnen wir mit der Vermutung, der Mensch lebe nur einmal. Ursache hierfür ist neben der Lehre von der körperlichen Wiederauferstehung (widerspricht allen irdischen Kreisläufen) ein Beschluss des 5. ökumenischen Konzils 553 nach Christus Damals entschieden Politiker und Kirchenleute, dass der Mensch nur deshalb einmal lebe, weil Jesus nur einmal am Kreuz gestorben sei. Eine sehr körperliche Betrachtung unserer vorgeblichen Seelsorger, denn tatsächlich hat sich die Seele über mehrere körperliche Existenzen hinweg zu entwickeln. Dazu der Mystiker und vermeintlich „islamische“ Dichter D. Rumi: „Bisweilen sind wir sichtbar, bisweilen verborgen, bisweilen Muslime, Christen oder Juden. Wir durchlaufen viele Formen, bis unser Herz Zufluchtsstätte für alle wird.“ Diese Ansicht ist übrigens nicht allein eine solche Rumis, sondern sie ist ein Teil der göttlichen Selbsterkenntnis fast aller Mystiker. Hinsichtlich des Rumi selbst jedenfalls ergibt sich aus dem Zitat, dass der kein wirklich „islamischer“ Dichter gewesen sein kann, denn nach islamischer Auffassung bedürfe der Mensch keiner besonderen Erlösung. Mit einer der Gründe dieser Haltung dürfte neben der Übernahme der auf Paulus zurückgehenden Vorstellung einer körperlichen Wiedergeburt (Ausnahme: Koran, 24. Sure, Vers 27: Die Verheiratung guter und böser Menschen in einem zukünftigen Leben) eine „abgespeckte“ göttliche Selbsterkenntnis Mohammeds aus seiner wohl ersten Offenbarung sein. In der 96. Sure, Vers 9 postulierte Mohammed unter anderem: „Aber die Rückkehr ist zu deinem Herren.“

Verinnerlichen Sie bitte diesen Satz, denn dieser beginnt mit – fast unglaublich – einem „Aber“, besser gesagt, einem „Dennoch“. Dies bedeutet, dass der Prophet offenkundig nicht von vornherein mit göttlicher Aufnahme rechnete. Dazu enthält seine Botschaft nichts über mehrere Seelenexistenzen, wie es sonst für (mystische) Prozesse üblich ist. Zudem blieb sein Gottesbild während des Erkenntnisprozesses unangetastet. (Einwurf am Rande: Man kann auch mit der Seele „weglaufen“, anstatt seelischen Schmerz auszuhalten, dann spricht man von Schamanentum.) Da sich solche Prozesse an negativen Lebenserfahrungen (so genannten Schlüsselerlebnissen) entzünden, stellt sich jedoch die spannende Frage, welches Erlebnis hinter Mohammeds Eigeneinsicht verborgen steckt.

Die schnellste und sicherste Analyse bietet Laotses Einteilung der Meisterschaftsstufen nach Gottesbildern. Obschon 2.600 Jahre alt, ist seine Dichtung (41. Spruch des Taoteking) nach wie vor unschlagbar treffend zur Bewertung mystischer Erkenntnisse. Im Einzelnen:
„Hört ein Hoher Meister von der Führerin des Alls, so wird er angeregt und handelt entsprechend. – Hört ein Mittlerer Meister von der Führerin des Alls, so nimmt er halb an, halb zweifelt er. – Hört ein Niederer Meister von der Führerin des Alls, so lacht er gewaltig. Würde er nicht lachen, wäre es nicht die eigentliche Führerin.“ Im Falle der Hohen Meisterschaft existiert somit eine innere Anschauung von Gott als Gestalt einer Frau. Dagegen schwankt der Mittlere Meister, das Gottesbild der Hohen Meisterschaft anzuerkennen. Grund hierfür ist seine Wahrnehmung des Göttlichen als etwas unpersönlich Absolutes (bekannt etwa von Buddha). Und der Niedere Meister lacht, weil er im Leiden ein Urteil erwartete und im Übrigen auch nicht mehr als ein solches erfahren durfte. Dies bedeutet hinsichtlich des Mohammed, dass er schon nach Laotses Einteilung allenfalls ein Niederer Meister gewesen sein kann.

Im Weiteren sollen nun den Gottesbildern Schlüsselerlebnisse zugeordnet werden. Betrachtet man sich dazu die Erkenntnisse aus verschiedenen Leidensprozessen, ergibt sich folgendes Bild: Hohe Meisterschaft erlangt ein Mensch über Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Tod, Opferseite (etwa die Abtreibung). Der Mittleren Meisterschaft liegen sexuelle Schlüsselerlebnisse der Opferseite zugrunde. Und für die Niedere Meisterschaft bleiben Tätererlebnisse im Zusammenhang mit dem Tod (Mord) oder auch sexuelle Erlebnisse (etwa sexuelle Kindesmisshandlung) übrig. Mohammed wird somit einen Täterprozess durchzustehen gehabt haben, der ihm seine Einsicht „Aber die Rückkehr ist zu deinem Herren.“ beschert haben wird.

Nehmen wir nun hinzu, was über Mohammeds Leben und seine Erfahrungen bekannt wurde. Da sind zunächst die Verluste vieler naher Angehöriger zu nennen, zudem die Hochzeit mit der älteren Kaufmannswitwe Chadija. Deren Ableben nahm er zum Anlass, seinen sexuellen Gelüsten freien Lauf zu lassen, was unter anderem in die Ehe mit der erst 10-jährigen Aisha einmündete. Hier zeigte er, unabhängig von damaliger Anschauung, den Wechsel vom Opfer zum Täter. Darüber hinaus sind Aufenthalte in einer Höhle und Vorgänge bekannt, bei denen er wie von Zentnerlast getroffen, zusammensackte, um Eingebungen zu erhalten. Dies nun erinnert an schamanisches Vorgehen, nämlich über körperlichen Schmerz und Seelenreisen zu Erkenntnissen zu gelangen. Wie zum Beweis führt er selbst das (schamanische) Bild der Verbindung zu Gott mittels „magischen Luftseils“ in der 3. Sure, Vers 104 an: „Haltet am Seil Allahs fest“. So muss dann wohl der Erzengel Gabriel als der ihn unterweisende Geist betrachtet werden. Die für Seelenreisen notwendige, sich leicht aus dem Körper lösende Seele (wie auch von Jesus bekannt), könnte auf ein Kindheits-Prügelerlebnis hindeuten. Letzteres wäre auch gut vorstellbar im Rahmen einer lieblosen Erziehung durch den Onkel, nach dem frühen Verlust beider Elternteile. Seine Lebenserfahrungen jedenfalls wird er als Schamane und Mittler zum Göttlichen in Eingebungen umgesetzt haben. Damit hätten wir nun zwar Antrieb und Produktionsmittel, aber noch immer nicht das hinsichtlich der mystischen Meisterschaft gesuchte Erlebnis. Vergleichen wir daher seine Einsicht mit der anderer Niederer Meister: Mörder oder Kinderschänder erfahren, wie viele Leben sie sich nichts zu Schulden kommen lassen dürfen, bevor göttliche Aufnahme zu erwarten ist. Da Mohammed jedoch göttliche Aufnahme erwarten durfte, muss er ein Täter ohne Schuld gewesen sein. Hierfür käme allenfalls eine „Tötung in Notwehr“ in Betracht, zumal er sich als Karawanenführer sicher manches räuberischen Beduinen erwehren musste. Er selbst räumt im Übrigen genau diese Erkenntnis ein, schreibt sie allerdings Moses zu, der Ähnliches erlebte: „Oh mein Herr, ich habe mich versündigt, verzeihe mir doch. Und Allah vergab ihm;“… (28. Sure, Vers 17). Zur Notwendigkeit des darum Leidens: „Wenn ihr jemand erschlagen habt und über den Täter streitet, so enthüllt Allah, was ihr verheimlicht.“ (2. Sure, Vers 73) und: „Wäre nicht eine Offenbarung herabgekommen, so hätte euch wahrlich schwere Strafe für das, was ihr nahmt, getroffen“ (8. Sure, Vers 69). Bezüglich des Urteils selbst: „Das Urteil“ (jedoch) „steht nur Allah allein zu“ (6. Sure, Vers 58).

Damit haben wir einen wahrhaften Sachzwang aufgedeckt, nämlich den, um Erkenntnisse zu leiden. Dennoch sei die Frage gestattet, warum sich mühsam in religiösen Schriften versteckte Erkenntnisse erschließen? Greifen wir doch gleich zu den Werken großer Dichter und Denker, etwa zu Goethe, der uns auf den Weg mitgibt: „Sprich nur Dich selbst aus, wird schon Rätsel sein“ (Selbsterkenntnis). „Versuch einmal, Dich innigst aufzulösen“ (der Entscheid im Leiden für den schamanischen oder mystischen Weg), siehe auch: Hesse, Steppenwolf, „Magisches Theater“ oder (auf höherer Ebene) Hafis’ Rettungsmittel „Seelenopfer“ für die Hohe Meisterschaft. „Dem frommen Manne nötig wie dem Bösen“ (sei ohne Kommentar). Mithin werden das Streben nach Erkenntnis wie auch, in einem Zyklus mehrerer Existenzen, seelische Entwicklung von jedem von uns gefordert. Und da im Übrigen wohl für keine Seele eine Ausnahme gemacht wird, entnehmen Sie bitte im Falle Ihrer Verweigerung Ihr weiteres Schicksal der anschaulichen Darstellung (Teil 1) von Dantes „Göttlicher Komödie“. Das unsere Existenz tatsächlich nur Teil einer göttlichen Komödie ist, erkannte im Übrigen auch Mohammed (6. Sure, Vers 33): „Dieses Leben ist nur ein Spiel, ein Getändel;“ und er wird damit das göttliche Spiel gemeint haben.

Mit freundlichen Grüßen

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