Ein letztes Wort

Es entspricht guter demokratischer Tradition, seinem Gegenüber die Freiheit des Denkens und Glaubens einzuräumen, ihm das Wort zu gewähren und ihm zuzuhören. Soweit seine religiöse Auffassung ihn befriedigt und diese niemanden verletzt, soll er ja auch machen können, was er will. Allerdings hilft uns diese tolerante Grundhaltung nicht viel weiter, wenn wir begreifen wollen, wie Glaubensvorstellungen, weise Texte oder die Persönlichkeitsentwicklung fördernde Märchen entstanden sind. Daher war es für die Welt wichtig, dass sich ein einzelner Mensch aufmachte, alles einmal alleine zu durchdenken, die Strukturen aufzudecken und sich hieraus ergebende Lösungen aufzuzeigen.

Des Erfolges wegen hatte der Unterzeichner daher zunächst das notwendige persönliche Rüstzeug aus eigenen Lebenserlebnissen zu gewinnen. In diesem Zusammenhang erwies es sich als hilfreich, dem Himmel gegenüber bereits im Alter von 15 Jahren den damals wohl noch unstrukturierten Wunsch angezeigt zu haben, bewegen zu wollen. Denn für viele eigene Erkenntnisse muss so viel an negativer Lebenserfahrung her, wie ein Mensch alleine ertragen und bewältigen kann. Als dann die Zeit reifte, führte der Unterzeichner – wie schon Goethe oder Nietzsche – eigene Erlebnisse zur Auflösung der Abtreibung zusammen. Weil er im Übrigen aus biologischen Gründen nicht selbst abtreiben konnte und dies zur Hilfe für eine Frau geschah, handelte es sich zugleich um ein Martyrium, mangels persönlicher Betroffenheit überdies um ein ‚Reines’ Martyrium. Für ein Maximum an persönlicher Vorbereitung wurden darüber hinaus parallel Erkenntnisse aus der Arbeit um ein Erlebnis gegen die sexuelle Selbstbestimmung gezogen. Am Rande notiert, wurden diese weiteren Einsichten zunächst, da wegen des „großen Prozesses um die Abtreibung“ nur von nachrangigem, persönlichen Wert, überwiegend zur Selbststabilisierung und Abwehr drohender Gefahren (Schamanen, Geister) verwendet, erst in einem zweiten Schritt zur Erklärung von Glaubenslehren. Und weil überdies die Auflösung in der Mystik sprachliche Lähmung nach sich zieht, war das Vermögen zu entwickeln, sich der Sprachlosigkeit zu erwehren.

In einem nächsten Schritt wurden Erkenntnisse aus fremden Leidensprozessen (bereits früh um Mord) gesammelt und mit den eigenen Auffassungen abgeglichen (eine Vorgehensweise, die etwa auch Goethe seinem Sekretär Eckener gegenüber einräumte). Hier konnte schließlich die Bedeutung der Ergebnisse aus dem Opferprozess um die sexuelle Selbstbestimmung, soweit nicht bereits geschehen, mit Einsichten um Vergewaltigung und Kindesmissbrauch dem Gesamtsystem zugeordnet werden. Daraus ergaben sich erste Strukturen sowie die Forderung, es den Religionsstiftern nachzutun, nämlich eigene Lebenserlebnisse in Weisheit umzuwandeln. Damit offenbart sich zugleich der allgemeine Lebenssinn, über die Verarbeitung negativer Lebenserfahrung die eigene Seele zu vervollkommnen.

Da damit der mystische Teil bekannt war, mussten dazu Schamanentum, Okkultismus/Spiritismus sowie die Einflüsse von Philosophie und priesterlichen Riten auf die Entstehung der Religionen untersucht werden. Diesbezüglich erfolgte zudem im gleichen Arbeitsgang der Zugriff auf die Arbeiten großer Meister. Zu nennen ist hier insbesondere neben unseren beiden Rätselmeistern Goethe und Nietzsche (übrigens wohl nur erkennbar, wenn man „seine Hausaufgaben erledigt“ hat) Laotse, der vor 2600 Jahren in China wirkte. Dieser entwickelte schon damals mit dem Modell der dreistufigen Meisterschaft um Gottesbilder das Werkzeug, Religionsstifter und damit den Wahrheitsgehalt ihrer Glaubenslehren bewerten zu können.  Damit sie nicht recherchieren brauchen: „Hört ein Hoher Meister von der Führerin des Alls, so wird er angeregt und handelt entsprechend. Hört ein Mittlerer Meister von der Führerin des Alls, so nimmt er halb an, halb zweifelt er. Hört ein Niederer Meister von der Führerin des Alls, so lacht er gewaltig. Würde er nicht lachen, wäre es nicht die eigentliche Führerin.“ Im folgenden (42.) Spruch übrigens relativiert er noch das Gottesbild des Hohen Meisters zugunsten des Bildes des Rätselmeisters, für den Gott eine Trinität aus Frau-Mann und Liebe darstellt.

Rückschauend betrachtet, war es nach der Hitze des eigenen Leidens somit die sachliche und strukturierte Vorgehensweise unter Einbeziehung immer weiterer Texte, die den Erfolg des Vorgehens bedingte. Wesentlichen Anteil an der entsprechenden Ausrichtung des Schaffens (als dankbarer Empfänger meiner ersten Traktate) hatte übrigens ein zu früh verstorbener Freund und ausgebildeter Philosoph. Dazu notiert, gibt mir die durch ihn initiierte eigene philosophische Ausrichtung heute die Ruhe, nach wie vor die abstrusesten Glaubensvorstellungen, wie etwa die einer körperlichen Wiederauferstehung, völlig entspannt tolerieren zu können. Denn bitteschön, was habe ich mit Ihrem Seelenheil zu schaffen? Mir war es dagegen wichtig, allgemein gültige Aussagen zu formulieren und das Gesamtsystem religiösen Erlebens durchschaubar zu machen, letzten Endes damit Sie Ihren eigenen Weg finden können. Alles Andere wäre ohnehin ohne Wert.

Mit freundlichen Grüßen

P.S. Manchmal werde ich gefragt, ob ich das denn dürfte, die Entstehung der Religionen über die Lebensgeschichte der Stifter erklären, denn letzten Endes führe dies zu deren Untergang. Dem kann ich nur erwidern, dass ich das natürlich darf. Denn zum einen bin ich Mystiker und als solcher mit Gott verbunden, kenne also mich und meine Funktion für die Weltgeschichte (sonst hätte ich das alles nicht über Jahrzehnte hinweg auf mich genommen). Und zum anderen führe ich Menschen nicht von Gott weg, sondern zu Gott hin. Während die Religionsstifter mit ihrem vorgeblich exklusiven „Wissen“ alle anderen ob ihrer Überhöhung (oder der Überhöhung ihrer Lehren) von eigener Erkenntnis abschnitten, führe ich Menschen genau auf eigene Erkenntnis über sich und das Leben hin. Weil ich zudem alles weiß, was ein Einzelner für sich alleine über Gott, die Welt und den Sinn des Lebens in Erfahrung bringen kann, helfe ich zugleich damit denjenigen, die ihr eigener Religionsstifter geworden sind, nämlich sich und ihre persönlichen Einsichten im Kontext mit anderen zu verstehen. Ich „mache“ also „Religionsstifter“ und verhelfe ihnen zum toleranten Umgang miteinander. Also: Nochmals zur Frage, ob ich das denn darf: Natürlich, ich, wer sonst? Und ich genieße es – ihr Vertrauen.

P.P.S. Ob die Welt schließlich durch meine Erkenntnisse gewinne oder verliere, will man wissen. Dem sei entgegnet, dass niemand verliert, jedoch alle gewinnen können. Besehen wir hier zuallererst jemanden, der sein Leben als einmalig erachtet und sich ohne Seele und eine zukünftige Existenz nach diesem Leben glaubt. Wenn ich demjenigen gelassen und gefestigt entgegentrete, gewinnt er vielleicht Zweifel an seiner bisherigen Auffassung und kann deshalb in diesem Leben noch etwas für sich bewegen. Nehmen wir sodann einen Gläubigen, der partout einem Religionsstifter folgt, sich fünfmal am Tag die Füße wäscht und betet. Auch der gewinnt vielleicht einen Zweifel und begibt sich am Ende doch noch selbst auf den Weg. Und schließlich betrachten wir jemanden, der sich, von mir angeregt / angeleitet / begleitet, auf den Weg begibt. Derjenige gewinnt eigene Erkenntnis, entweder über sich und sein Leben oder aber die Einsicht, dass es in diesem Leben für göttliche Aufnahme noch zu früh ist. Also: Der Atheist verliert nichts, der Deist verliert nichts und der sich auf sich selbst und Gott Einlassende erst recht nichts. Alle können nur gewinnen. – Da frage ich mich übrigens, warum man mich ausbremst. Haben die Leute keinen Mumm, keinen Grips oder aber kein Ehrgefühl, dass sie für ein paar lumpige Kröten ihre Mitmenschen bescheißen wollen? Dem Seelenheil dürfte es übrigens wenig zuträglich sein, Menschen von der Rückkehr zu Gott abzuschneiden, wenn sie das nicht mehr will (weil die Religionen nämlich ihren Dienst geleistet haben). Womit überdies klar sein sollte, dass die Welt insgesamt gewänne.

Übersicht „Briefe“