Der Mystik-Schnelltest

Vorbemerkung: Nach wie vor unschlagbar präzise sind Laotses Ausführungen zum Sinn des Lebens, zu den verschiedenen Meisterschaftsstufen oder zur Führung eines Volkes. Als Rätselmeister empfehle ich Ihnen die Übersetzung Erwin Rousselles, veröffentlicht im Insel Taschenbuch Verlag. Der Grund: Dem Hohen Meister, Rätselmeister, zuweilen auch dem Mittleren Meister 2. Grades stellt sich Gott im Leidensprozess als Frau dar. Warum also – Buddha und damit einem Mittleren Meister 1. Grades folgend ? – dieses Gottesbild zu etwas unpersönlich Absolutem umdeuten? Herrschaften: Das ist doch „Käse“, zumal Laotse sein Gottesbild präzisiert. Der Meister im 42. Spruch des Taoteking: „Die Führerin des Alls bringt die Einheit hervor, die Einheit bringt die Zwei hervor (Mann und Frau), die Zwei bringen das Dritte hervor (Liebe). Die drei bringen die Zehntausend Wesen hervor (alle Menschen). Bedeutet, dass Gott ein Wesen ist aus Frau-Mann-Liebe. Diese tiefe Einsicht zeigt Laotse als wahren Rätselmeister. Sie hebt zugleich alle Widersprüche (Einheit) zwischen den verschiedenen Anschauungen auf.

Kommen wir zum vorhin postulierten „Schnelltest“ und damit zur Prüfung der Tauglichkeit eines Religionsstifters, Kontemplationslehrers, Literaten, Märchenerzählers usw. Dieser Test funktioniert im Übrigen, weil jede Weisheit durch die Verarbeitung negativer Lebenserfahrung gewonnen wird. Laotse im 41. Spruch des Taoteking: „Hört ein Hoher Meister von der Führerin des Alls, so wird er angeregt und handelt entsprechend. Hört ein Mittlerer Meister von der Führerin des Alls, so nimmt er halb an, halb zweifelt er. Hört ein Niederer Meister von der Führerin des Alls, so lacht er gewaltig. Würde er nicht lachen, wäre es nicht die eigentliche Führerin.“

Drei verschiedene Meisterschaftsstufen sind angesprochen. Präziser betrachtet sind es fünf, aber mit Laotse lässt sich dennoch trefflich arbeiten. Hohe Meisterschaft erlangt das Opfer in der Verarbeitung von Erlebnissen im Zusammenhang mit dem Tod. Dies können sein, ein Prügelerlebnis, der Verlust eines nahen Angehörigen und eine Seelenwanderung einerseits oder aber eine Abtreibung andererseits. Im ersten Fall können diese drei Erlebnisse zusammengeführt (siehe Goethe im „Wilhelm Meister“) und als Abtreibung im Wege des Mitleidens aufgelöst werden (so Goethe im „Faust“ oder Nietzsche im „Zarathustra“). Weil ohne Verstrickung in der Abtreibung erhält der Mann (oder die Frau) im ersten Falle mehr Erkenntnisse vermittelt als eine allein die Abtreibung auflösende Frau. Letztere wird daher allenfalls Hohe Meisterin, die anderen erlangen dagegen Rätselmeisterschaft.

Die Mittlere Meisterschaft ist durch ein unpräzises Gottesbild gekennzeichnet, so Laotse. Die Mittleren Meister zweifeln deshalb an Gott-Frau, weil sie keine diesbezügliche Einsicht erhalten. Der übliche Mittlere Meister (die Meisterin) muss nämlich als Opfer eines Erlebnisses gegen die sexuelle Selbstbestimmung zur Auflösung aus der Opfer- in die Tätersichtweise wechseln. Als Täter aber darf Gott nicht geschaut werden. Weil der Mensch trotz dessen nur Opfer war, darf entschieden werden zwischen Wiedergeburt (etwa bekannt beim Dalai Lama) oder dem Verlöschen der seelischen Existenz aus dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt der Seele (so bei Buddha). Ausnahmen bilden die Mittleren Meister zweiten Grades, deren persönliche Einsicht für ein wirklich gefestigtes Gottesbild nicht reicht (Hesse gibt ein Beispiel, der sich zum Freud Schüler Jung auf die Couch begab). Diese Menschen waren vermeintliche Täter um sexuelle Schlüsselerlebnisse, aber im Grunde ebenfalls nur Opfer.

Bleiben Niedere Meister, Mörder etwa, die nur ein Gottesurteil erfahren. Aber selbst bei ihnen gibt es Unterschiede. Sehr entspannt sind Niedere Meister, die sich an Gott-Frau wenden (etwa Johannes Tauler), während die mit einem vor gefassten männlichen Gottesbild nach dem Prozess besonders rührig sind (Moses, Mohammed, Meister Eckhard, um hier einmal drei vorzustellen). In dieser Gruppe ebenfalls zu unterscheiden sind solche, die noch mehrere Leben vor sich haben (Mörder) von in Notwehr Tötenden (die „dennoch göttliche Gunst und Gnade erfahrend“ auf göttliche Aufnahme hoffen dürfen). In punkto Erkenntnis bleibt es jedoch in beiden Gruppen bei allein einem Gottesurteil, sodass bei der Niederen anders als der Mittleren Meisterschaft nicht weiter unterschieden werden muss.

Damit sind die drei (oder auch fünf) Meisterschaftsstufen des Laotse erklärt.

Mystik entsteht somit aus der Verarbeitung von Schlüsselerlebnissen in einer nachfolgenden  Hinwendung zu Gott, um dabei etwas über die eigene göttliche Aufnahme zu erfahren. Sie stellt zugleich die erste und wichtigste Vorgehensweise dar, eine Religion zu schöpfen. Im Schamanentum nimmt man die vorgenannten Erlebnisse zum Anlass, mit der so genannten „Freiseele“ zu reisen (despektierlich gesagt: Wegzulaufen). Immerhin setzen Schamanen aber noch ihre Seele zum Erwerb von Erkenntnissen ein, anders als Okkultisten/Spiritisten, die mit Seelen aus dem Zwischenreich des Ach (wie es die alten Ägypter zutreffend sahen) Kontakt aufnehmen. Solche Kandidaten, die nicht selbst „die Seele einsetzen“, müssen allerdings dafür damit leben, auch einmal „veräppelt“ zu werden. Schließlich ergänzen Magie (priesterliche Riten) sowie philosophische Fort-/Entwicklung eigener oder fremder Erkenntnisse die Einsichten, die allein nicht reichen, eine Religion zu schöpfen.

Nehmen wir nunmehr die Erkenntnisse aus der Auflösung der Abtreibung hinzu: „Die Seele wird von Gott geboren. Sie ist unsterblich, im ganzen Körper vorhanden, männlich/weiblich (wie Gott auch) und strebt nach Rückvereinigung mit dem Göttlichen“. Daran wird deutlich, dass uns nur die Mystik dorthin zu führen vermag, wohin wir alle möchten, nämlich „ins Paradies“. Mithin blendet der den Schnelltest Anwendende das „Schamanentum“ aus (das sind die Damen und Herren, die sich als Mittler zum Göttlichen verstehen). Ebenso brauchen Erkenntnisse aus den übrigen, völlig unfruchtbaren Vorgehensweisen, nicht weiter betrachtet zu werden. Das sind „Veräppelt Werden“ (Okkultismus/Spiritismus), „Gegenseitig Veräppeln“ (Magie/priesterliche Riten) und „Einfach Rumspinnen“ (Philosophische Weiterentwicklung). So bleiben am Ende die Erkenntnisse stehen, die Menschen mit unterschiedlichstem kulturellen Hintergrund zu allen Zeiten und an verschiedensten Orten in der Hinwendung zu Gott erlangt haben. Weil also der Mensch um seine göttliche Aufnahme wissen will, braucht es deshalb nur die Mystik. Und hier nutzt man den Schnelltest nach Laotse, um gleich zu erfahren, ob man es mit einer „Pfeife“ (zumeist einem Religionsstifter) oder einen „vernünftigen“ Meister zu tun hat.

An dieser Stelle eingeworfen, gibt es fünf Betätigungsfelder für Mystiker: Wir finden diese als Religionsstifter, als Kontemplationslehrer (um Menschen anzuleiten), als Philosophen oder Literaten sowie als Märchenerzähler. Die Ausprägung ist jeweils von Bildung, Ort und Zeit und damit dem „sozialen Umfeld“ abhängig. Während Kontemplationslehrer, Philosophen, Literaten und Märchenerzähler darum bemüht sind, ihren Mitmenschen Hilfestellungen und Fingerzeige zur Selbstentwicklung zu vermitteln, waren nur die Religionsstifter so vermessen zu behaupten, man müsse ihnen und ihrer Lehre nachfolgen. So mag der Leser selbst entscheiden, was er denn von einem Religionsstifter schon vom Grunde her hält.

Jedenfalls sollte es Ihnen dann ganz komisch vorkommen, wenn der spirituelle Führer, auf den man sich verlassen soll, selbst einräumt, nicht Bescheid zu wissen. Bestes Beispiel ist hier Paulus, der im 2. Korintherbrief, 12 zum Besten gibt, dass er nicht begriff, ob seine „Emporhebung in die Lüfte“ körperlich oder seelisch erfolgte. Eine Seelenwanderung sollte man aber schon als solche erkennen können, wenn man sich zum Religionsstifter berufen fühlt. Ansonsten dürfte klar werden, was man mit seiner Interpretation/Umdeutung der Seelenwanderung des Jesus in eine körperliche Wiederauferstehung machen kann: Despektierlich gesprochen darf man diese „in die Tonne treten“ inklusive der dahinter stehenden oder darauf aufbauenden Religionen.

Bleibt mir zu guter Letzt zu hoffen, zur Erklärung der Zusammenhänge die richtigen Worte gefunden zu haben. Bedenken Sie bitte, dass die Welt am Scheideweg steht. In Anbetracht des Zustandes des Planeten können wir es uns nicht länger leisten, um Religion Kriege zu führen. Wir müssen stattdessen weltweit zusammenarbeiten, um die Welt zu retten, damit sie noch lange Heimstatt hierher zu ihrer Vervollkommnung geborener Seelen sein kann.

(Und damit gehe ich jetzt Gitarre lernen. Hat man nämlich in einer Sparte Meisterschaft erreicht, fängt man woanders als Schüler wieder an. So ist das Leben.)

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