Der ‚Spiegel‘-Brief

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für die offene Aufnahme meiner Zuschrift vom 09.01.2013. Nicht ganz klar wurde mir allerdings, ob Ihnen die Informationen reichen, denn auf meinen Webseiten findet sich im Grunde alles Wissenswerte, oder ich noch einmal „nachlegen“ sollte. Um Wiederholungen zu vermeiden, habe ich mich entschlossen, noch etwas über Strukturen zu schreiben.

Beim Thema „Religion“ wird häufig „das Gehirn abgeschaltet“ und bar jeglicher Vernunft das abstruseste Zeugs geglaubt. Gottlob wurde inzwischen die Auffassung überwunden, für Regen oder Sonnenschein Menschenopfer darzubringen, aber es gibt noch immer Menschen, die die körperliche Wiederauferstehung eines Zimmermanns vermuten, der damit die Schuld der Welt hinweg genommen haben soll. Ein solcher Unsinn verwundert, weil wir üblicherweise allen Phänomenen rational auf den Grund gehen und Naturgesetze zur Erklärung heranziehen. Das ist ja auch der richtige Weg, betrachten wir uns das von Gott geschaffene Universum, unterworfen den Regeln der Mathematik und der Physik. Daher kann es nicht verwundern, dass sich rational denkende Menschen völlig von Religion abwandten. Das muss jedoch nicht sein, denn auch Glaubenslehren lassen sich strukturiert analysieren. Sie bauen nämlich auf den Erkenntnisprozessen ihrer Stifter auf, deren religiöses Erleben auf zugrunde liegende Erfahrungen zurückgeführt werden können.

Den Theologen würde im Übrigen eine solch strukturierte Betrachtung die Existenz kosten, denn sie leben von nicht fassbaren Glaubensinhalten und einem vorgeblichen Dienst für die Gemeinschaft. Die kampflose Räumung des Feldes gegenüber der Psychologie offenbart uns zudem, dass sie nie Seelsorger waren, sondern immer nur Körpersorger in eigenen Diensten. Und die Religionswissenschaftler kommen über die Beschreibung der Glaubenslehren nicht hinaus, weil sie sich zur Analyse der Psychologie bedienen. Letztere kann nämlich nur Opfern sexueller Gewalt und diesen allein mit Selbsterkenntnis helfen. Schon die Unterscheidung in Täterschaft und vermeintliche Täterschaft misslingt, erst recht reichen ihre Mittel nicht für Opfer- und Täterprozesse um Schlüsselerlebnisse im Zusammenhang mit Geburt und Tod. In diesem Bereich aber finden wir die interessantesten Einblicke. Wenn ich hier von uns spreche, so um zu verdeutlichen, dass religiöse Erfahrung immer nachvollziehbar sein muss. Es gibt kein exklusives Wissen einzelner Menschen, immer nur Einsichten aus bestimmten Erfahrungen heraus. Anschließend gilt es immer, das eigene Wissen mit anderem abzugleichen, um keinen Trugschlüssen zu erliegen. Deshalb sollte man nicht versuchen, was man für sich nicht in Erfahrung bringen konnte, dazu zu dichten. Schlechte Beispiele diesbezüglich liefern manche Religionsstifter. Zu guter Letzt kann nur die Religionsphilosophie eine taugliche Analyse liefern, vorausgesetzt, man verfügt als Forschender zumindest über die Fertigkeiten, selbst einen brauchbaren Religionsstifter abzugeben.

Nehmen wir einmal Einsichten, die sich aus der Auflösung der Abtreibung ergeben, heraus: Manche/r spricht hier von einem Geheimwissen der Frauen, aber so exklusiv ist es natürlich nicht, weil es Männern gleichermaßen offen steht: Die Seele wird von Gott geboren, sie ist im ganzen Körper vorhanden, ist männlich-weiblich (wie Gott selbst), unsterblich (wie Gott selbst), und sie strebt nach Rückvereinigung mit dem Göttlichen. Das männliche und weibliche der Seele ist im Übrigen der Grund für die zwei Wege Mystik und Schamanentum. Dies war auch allen alten Kulturen bekannt. Im Spannungsfeld zwischen beiden erwuchsen schließlich die Religionen. Die Struktur der Seele sowie ihre Herkunft erklären darüber hinaus, warum es keine Gesellschaft ohne Religion gab, warum wir uns immer bemühen, hinter die Dinge zu sehen, und warum wir Gott nicht im Weltall finden können. (Die größten Schätze versteckt man dort, wo sie keiner sieht und keiner vermutet.)

Neben diesen beiden Wegen Mystik (inneres Erleben) und Schamanentum (Seelenreisen) bestimmen Magie (Okkultismus, Spiritismus), Philosophie und Riten unsere Glaubenslehren. Angebunden an Erkenntnisprozesse der Religionsstifter aus Mystik oder Schamanentum lassen sich dann wechselnde Anteile aus den übrigen Strömungen in der Entstehung einer jeden Lehre ausmachen. Bedeutet im Übrigen für den eingangs angesprochenen Zimmermann, dass er nicht wiederauferstand, sondern drei Tage mit der Seele Orts abwesend war, mithin schamanisierte. Eine andere, naturwissenschaftlich haltbare Erklärung gibt es nicht. Befremdend bleibt für mich in diesem Zusammenhang allerdings, dass sich heute lebende Menschen allen Ernstes auf die Deutung des Paulus berufen. Der räumte schon im zweiten Korintherbrief (Kap. 12) bezüglich eigener Erfahrungen ein, nicht zu wissen, wie ihm geschah. Wie sollte er da ein brauchbarer Berichterstatter gewesen sein?

Für den Bereich des inneren Erlebens und damit der Mystik können schließlich verschiedene Autoren herangezogen werden. Angesprochen waren die Religionsstifter selbst, deren Einsichten mit denen heute lebender Menschen, ferner mit denen von Dichtern, Denkern oder Märchenerzählern verglichen werden können. Schnellstes und sicherstes Instrument zur Bestimmung der Fertigkeiten eines jeden Mystikers bleibt Laotses Einteilung in Meisterschaftsstufen nach Gottesbildern (41. Spruch). Er stellte bereits vor über 2500 Jahren zutreffend eine hierarchische Struktur in den Erkenntnissen heraus, die sich ohne Probleme auch auf die Religionsstifter anwenden lässt. Wenn Sie so wollen, hätte es also die Religionen nie geben brauchen. Dass es sie dennoch gegeben hat, dürfte dagegen dem Willen zur Entwicklung der Menschheit geschuldet sein. Denn der „eingebaute“ Rückvereinigungswille der Seele mit dem Göttlichen verbietet es, in diesem Bereich ohne Einverständnis zu agieren.

Das angesprochene Streben nach Rückkehr zu Gott, lässt zugleich den Lebenssinn offenkundig werden. Es geht um ein seelisches Erwachsenwerden (schon bei Augustinus zu finden), man könnte ebenso von einer Vervollkommnung der Seele sprechen. Bedeutet natürlich, dass äußere Voraussetzungen (Nahrung, Kleidung, Wohnung etc.), dazu Bildung, Werte usw. gegeben sein müssen, um sich selbst und seine Seele zu entwickeln. Dieses Ziel wiederum müsste von der Politik realisiert werden. Ein darauf ausgerichtetes politisches System, wie immer man es im Einzelnen organisieren möchte, ob eher marktwirtschaftlich oder eher sozialistisch, bleibt dann dem Willen der Menschen vorbehalten.

Bezüglich der eigenen Person ohne Kenntnisse zu bleiben, ist also kein unabwendbares Schicksal. Man bedarf auch keiner Pfaffen, die nur auf unsere Kosten leben und sich vorgeblich um unser Seelenheil kümmern. Man muss zudem keine Kriege mehr um Glaubenslehren führen und könnte sich der Rettung der Erde widmen. Im Gegenzug allerdings wären Bildung und Toleranz unabdingbare Voraussetzungen für ein gedeihliches Zusammenleben.

Vielleicht an dieser Stelle noch ein Wort zu meinem Werdegang: Dass ich mich der Aufdeckung der Strukturen hinter den Glaubenslehren widmete, dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass ich als „Jurist“ im ersten Staatsexamen scheiterte. Ohne Repetitorium, welches ich zunächst aus finanziellen Gründen für entbehrlich hielt, verfügte ich nur über einzelnes Fachwissen, ohne Blick fürs Ganze. Erst für den zweiten Anlauf leistete ich mir den „privaten Einpeitscher“, dann allerdings offenbar bereits auf der Abschussliste. Für mich war dieses Scheitern jedoch lehrreich, sodass ich sammelte, verglich und strukturierte. Überdies wollte ich so viel ein Mensch für sich in Erfahrung bringen kann, an Wissen aus dem Bereich um Glaubenslehren und Lebenssinn zusammentragen.

Am Ende studierte ich noch BWL, nur um nachzuweisen, dass ich ein Studium erfolgreich abschließen kann. Die „schulische Ausbildung“ dort öffnete mir andererseits die Augen, warum unsere Gesellschaft immer mehr zur Ellenbogengesellschaft mutiert: Mit Betriebswirten statt Juristen in den Chefetagen bleiben nämlich die Werte auf der Strecke. Und obwohl ich heute ohne Examen wie ein Jurist arbeite, fühle ich mich nicht als solcher, sondern als Mystiker, Religionsphilosoph und Schadensachbearbeiter.

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