An die selbst ernannten „Gotteskrieger“

Mein Freund Friedrich (Nietzsche) war bekanntermaßen ein gelegentlich aufbrausender, manchmal wankelmütiger und zuweilen Schwäche zeigender Mensch. Dieses Wechselbad der Stimmungslagen (hier im Übrigen eine äußerst vergröberte Darstellung seines Gefühlsspektrums), welches in seinem Werk wie selbstverständlich seinen Niederschlag fand, wurde ihm nicht selten Mal zu seinem Nachteil vorgehalten. Aber es ist natürlich Unsinn, Gefühle zu zeigen, als Schwachheit auszulegen. Gerade das Leiden um Erkenntnisse führt ja zu einer Freisetzung verborgener Gefühle, die uns bestimmt haben und teils unser freies Leben behinderten. Insofern bedingt die gewonnene Freiheit schlussendlich, sich seiner Gefühle nicht mehr zu schämen und diese sichtbar auszuleben. Der Mensch ist nun einmal nicht immer stark, aber auch nicht immer schwach, nicht immer lieb oder böse, nicht immer beherrscht oder zügellos, er kann beides sein. Und als befreiter Mensch wird er dies auch zeigen.

Warum ich hier mit meinem Freund Friedrich beginne (wir beide sind übrigens „ganz dicke“ in einem zeitlosen Raum), hat einen einfachen Grund: Ich muss noch einmal auf Mohammed zu sprechen kommen. Der Koran ist nämlich gleichfalls ein Dokument über die ausgelebten Gefühle eines befreiten Menschen. Zur Erklärung: Mohammed ging Gott mit der Frage um Bestrafung für einen in Notwehr begangenen Totschlag an und erfuhr (wie er dies zugleich – wohl nicht zu Unrecht – für Moses unterstellte), dass er dennoch göttliche Aufnahme erwarten durfte. Am Rande notiert, war zu diesem Zeitpunkt von der Ehe mit Aisha noch lange keine Rede, doch sei es drum. Mohammed lebte seine Gefühle nach dem ihn befreienden Gottesurteil aus. Deshalb scheinen seine Gefühlslagen zugleich in seinen Offenbarungen durch. Wenn ich als Leser daher tatsächlich etwas für mich aus seinen Offenbarungen mitnehmen möchte, dann suche ich mir diejenigen unter ihnen aus, bei denen er kühlen Kopf bewahrte. Klugerweise beschäftige ich mich daher nicht mehr mit Aufrufen zum Mord an Andersgläubigen, wenn ich Offenbarungen habe, in denen er selbst zur Mäßigung und Toleranz aufruft. Das gebietet im Übrigen der gesunde Menschenverstand, nämlich einen Tobenden oder Randalierenden in Ruhe zu lassen, bis er wieder bei Besinnung ist.

So wollen wir uns den Stellen des Koran widmen, in denen Mohammed, der selbst einen Menschen tötete, sich an vermeintliche Gotteskrieger (etwa die Attentäter vom 9.11.) und deren Rädelsführer wendet. Vergessen wir dabei bitte nicht, dass Mohammed von einem Jüngsten Gericht und der Wiederauferstehung der Toten ausging. (Falls es interessiert: Letzteres ist auf die Fehlinterpretation einer einmaligen schamanischen Seelenreise durch Paulus zurückzuführen. Er verkannte nämlich das Schamanentum in seiner Erfahrung und hielt sein unaufgelöstes Schlüsselerlebnis „Seelenwanderung“ für eine vermeintlich mystische Emporhebung seiner Seele in die Lüfte. Nur eine kleine Überlegung weiter hätte er begriffen, dass Jesus während drei Tagen nichts anderes durchlebte als er in wenigen Minuten. Doch zurück:)

Mohammed zu den in die Irre geleiteten Gotteskriegern in der zweiten Sure, Verse 167 und 168: „Wenn einst die Verführten von den Verführern sich lossagen und sie die Strafe sehen“ (nämlich beim Jüngsten Gericht) „und sehen, wie alle Bande zerreißen“ (die Große Mutter das magische Luftseil kappt, welches sie mit den Menschen verbindet), werden sie sprechen: ‚Könnten wir doch ins Leben zurückkehren, so wollten wir uns von ihnen, so wie sie sich jetzt von uns, absondern (lossagen).’ Dann wird Allah ihnen ihre Werke zeigen; schmerzlich werden sie wehklagen, und nimmer werden sie aus dem Höllenfeuer kommen.“ Und sodann zu denjenigen, die die vermeintlichen Gotteskrieger aufwiegelten und sie mit falschen Versprechungen in ein sinnloses Märtyrertum trieben, zweite Sure, Verse 80-82: „Wehe denen, welche die Schrift mit eigenen Händen schreiben“ (nämlich den Sinn seiner Offenbarungen verfälschen) und geringen Gewinns wegen sagen: ‚Dieses ist von Allah.’ Wehe ihnen wegen ihrer Hände Schrift und wehe ihnen wegen ihres geringen Gewinns dafür! Sie sagen zwar, das Höllenfeuer werde – wenn überhaupt – sie nur wenige Tage quälen“ (weil niemand für anderer Menschen Sünden büßen muss). „Sagt Ihnen aber: ‚Habt ihr diese Zusicherung von Allah? Wird er eine Verheißung euretwegen brechen? Oder sprecht ihr etwas von Allah daher, was ihr nicht sicher wisst?’ Deshalb, wer Böses tut und in Sünde verstrickt ist, wird im Höllenfeuer wohnen; dort bleibt er.“

Noch einmal zum besseren Verständnis: Der Mörder oder Kinderschänder erfährt – aufgrund seines Leidens und für eben diese Hinwendung zu Gott – dass er dennoch göttliche Aufnahme erwarten darf, wenn er sich eine bestimmte Anzahl an Leben nichts zu Schulden kommen lässt. Nur der in Notwehr Tötende darf gleich zu Gott heimkehren, weil er die Tötung gar nicht wollte, sondern der Getötete ihm sein vorzeitiges Ableben aufgenötigt hat. Deshalb ruft Mohammed auch ein ums andere Mal zu Mäßigung und Toleranz auf, weil er sich der Gefahren des Tötens für das Seelenheil durchaus bewusst ist. Wenn er dennoch den Religionskrieg predigte, so um seine vermeintlich höchste Weisheit Mitmenschen zu überbringen, sie somit Zwangs zu beglücken. Damit allerdings ging er einen deutlichen Schritt zu weit, selbst wenn sein Wirken zum Zwecke der Entwicklung der Menschheit (Start der Wissenschaften im Bereich des Islam) „von Allah“ toleriert worden sein dürfte. Dies bedeutet, dass nach Auffassung Mohammeds nur der Soldat“, der Gott um Strafe anging, auf die Möglichkeit der Rehabilitation in einem späteren Leben hoffen darf, während sein „Führer“ auf ewig in der Hölle schmoren muss. Das ist doch mal richtig klasse!

Spannen wir nun zum Schluss der kleinen Untersuchung den Bogen von den Mördern mit ihrer geringen Einsicht hin zu den Rätselmeistern. Das sind Männer, die die Abtreibung mit eigenen, mehreren Schlüsselerlebnissen auflösten. (Hierzu Nietzsche: „Ich liebe den, welcher nicht zu viele Tugenden haben will. Eine Tugend ist mehr als zwei, weil sie mehr Knoten ist, an den sich das Verhängnis hängt.“ – Mehr Schlüsselerlebnisse bedeuten somit mehr mögliche Erkenntnisse) Doch kommen wir zu Goethe, der uns für den Auflösungsweg mitgab: „Sprich nur dich selbst aus, wird schon Rätsel sein“ (Selbsterkenntnis). „Versuch einmal, dich innigst aufzulösen“ (Seelenentscheid, Seelentrennung in männliche und weibliche Seele). „Dem frommen Manne nötig wie dem bösen“ (!). „Dem ein Plastron, asketisch zu rapieren“ (Entnahme der männlichen Seele durch die Brust durch Gott), „Kumpan dem anderen, tolles zu vollführen“ (Seelenausbrand der weiblichen Seele und Wiedergeburt beider Seelenteile in den Körper in dieser Körperexistenz) „Und beides nur, um Zeus zu amüsieren“ (Gott ist eine Trinität aus Frau, Mann, Liebe, also weder Widerspruch zur Großen Mutter noch zu Allah). Dann finden wir hier im Gegensatz zu „nur einem Urteil um göttliche Selbsterkenntnis“ für den Mörder den Weg eines Rätselmeisters beschrieben, der beide Seelenteile für ein deutliches Plus an Erkenntnissen auszugeben hat. (Zur Erläuterung noch einmal Nietzsche: „Dies nämlich ist das Geheimnis der Seele; erst wenn sie der Held verlassen hat, naht ihr im Traume der Über-Held“, womit zugleich dem Schwachsinn um nazistisches Denken bei ihm entgegengetreten sei. Und er weiter zu den „lauen“ Erkenntnisprozessen um geringere Meisterschaftsstufen als die der Rätselmeisterschaft: „Und niemals noch durftet ihr euren Geist in eine Grube von Schnee werfen, ihr seid nicht heiß genug dazu.“)

Weil also Mörder für Erkenntnisse nicht ihre Seele ausgeben, nicht über Tod und Wiedergeburt der Seele in diesem körperlichen Leben Erkenntnisse erlangen (Sicht des Rätselmeisters), weil Mörder nicht aus dem Zyklus von Tod und Wiedergeburt der Seele heraus verlöschen können (Sicht des Mittleren Meisters), formulierte Laotse im 42. Spruch: „Es erlangen die gewalttätigen Balkenstarken nicht ihren eigenen Tod.“ Deutlicher noch wurde er im 31. Spruch: „Wer sich am Menschenmord freut, kann sein Ziel in der Welt nicht erreichen.“ Dem bleibt nichts hinzuzufügen.

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