Dantes Leitfigur war Augustinus, nicht Vergil - Gedanken aus der Komödie Forum 'Freie Mystik'

Dantes Leitfigur war Augustinus, nicht Vergil

schrieb am 22.11.2017 - Buchvorstellung, Grundlagen zur Mystik, Lebensgeschichte, Literatur - Noch keine Kommentare

Die These – Dantes Leitfigur war Augustinus, nicht Vergil – wird mutmaßlich zunächst einmal auf Kopfschütten stoßen. Schließlich kommt Augustinus in Dantes Werk „Göttliche Komödie“ als Leitfigur namentlich nicht vor. Dennoch gibt es nicht nur im dritten Teil namentliche Erwähnungen des Augustinus, sondern zuvor schon klare Hinweise auf den „Kirchenlehrer“, der an die Schwelle zwischen Altertum und Mittelalter lebte und zuletzt als Bischof in Hippo Regio (heute Annaba in Algerien) wirkte. Dante kannte natürlich die Mystik in dessen Werk, wie er im 12 Gesang zum Paradies dem Eingeweihten zu verstehen gab. Doch lassen wir dieses Rätsel außen vor und beschäftigen uns mit den auch Literaturwissenschaftlern verständlichen Textstellen.

Augustinus wurde für zwei Bücher berühmt. Zunächst zu nennen, sind die „Bekenntnisse“, in denen er nicht nur Position für das Christentum bezog, sondern sich dazu als Gott liebender Mystiker zu erkennen gab. Das zweite Werk heißt „Der Gottesstaat“ und zeichnet nach reichlich Kritik an bestehenden Systemen das Bild des von Augustinus erdachten idealen Gemeinwesens. Häufig überlesen wird jedoch, ich komme hier noch einmal auf die Bekenntnisse zurück, seine dort beschriebene Anderswelt-Reise , die bereits die erste Übereinstimmung mit Dante darstellt. Denn der Italiener hofft im ersten Gesang (Hölle), von der Lebensweise des Tieres errettet zu werden. Dafür erfährt er von einem berühmten Weisen, müsse er eine andere Reise vollführen (nicht irgendeine Reise antreten!). Im folgenden Gesang postuliert Dante schließlich: „Ich bin Äneas nicht, ich bin nicht Paulus,“ und nimmt damit meines Erachtens Bezug auf die beiden Werke des Augustinus.

Besehen wir uns das genauer: Äneas war der mythische Gründer Roms. Als dessen Lehrer wiederum verstand man Vergil. Dagegen wird man als spirituellen Lehrer des frühen Christentums Augustinus annehmen müssen. Wenn aber nun Vergil, weil Roms Lehrer für Geschichte und Landwirtschaft, als Leitfigur für eine Andersweltreise auszuscheiden hat, käme dafür nur der spirituelle Lehrer Augustinus in Betracht, der Dante durch die Hölle (zur Selbsterkenntnis) und durchs Fegefeuer (zu göttlicher Selbsterkenntnis) führte.  Den letzten Teil des Wegs zu göttlicher Erkenntnis verrät selbst Augustinus nicht, sodass dieser Teil der Reise von Dante tatsächlich ohne fremde Hilfe gemeistert werden musste.

Und weitere Gedanken aus dem Buch selbst heraus: Kurz bevor Dante von Vergil verlassen wird, wendet sich der Meister (20. Gesang, Fegefeuer) noch einmal an Dante und spricht: „Sei unbesorgt, weil ich dich führe“, und die Umherstehenden antworten: „Gloria in excelsis deo.“ Auch das weist deutlich auf einen Bischof, wie Augustinus, hin und nicht auf Vergil. Zumal der sich vorgeblich noch im übernächsten Gesang auslässt: „Jahrhunderte erneuern sich, Astrea kehrt, es kehrt die Urzeit wieder,“ (nämlich die Zeit ohne Religionen) „und niedersteigt ein neu Geschlecht vom Himmel“ (nämlich das der Rätselmeister). „Durch die ward Dichter ich, durch dich zum Christen.“ Noch einmal: Passt das zu Vergil?

Dantes Leitfigur war Augustinus, nicht Vergil

War Vergil Dantes Leitfigur zur Anderswelt?

Zur Anderweltsreise erfahren wir von Dante, dass es zunächst ein Spiralweg abwärts gewesen sei, anschließend ein Spiralweg aufwärts. Hier verweise ich auf meine Veröffentlichungen in „Die Reise in die Seele„, in denen ich diesen Eindruck in der gleichen Weise beschrieb. Die Seelenspaltung, der Traum mit Styx (Floßfahrttraum, das Himmelstor, Überlegungen zum Pantheismus, die himmlische Führerin, die Wesenheit in drei Personen, all das wird dem Leser meiner Werke (sowie dem Kenner von Goethes Faust, Teil 2) dann schließlich auch bei Dante bekannt erscheinen.

Man könnte die Ausarbeitung weiter fassen und noch mehr Details beleuchten. Es mag an dieser Stelle genügen. Mein Postulat jedenfalls – Dantes Leitfigur war Augustinus, nicht Vergil – dürfte in Anbetracht obiger Aussagen nachvollziehbar werden.

Bliebe an dieser Stelle lediglich, noch den Nachweis anzutreten, dass Augustinus als Leitfigur einer Andersweltreise getaugt hätte. Selbst dazu hatte ich früher bereits ausgeführt, nämlich in „17+4, Kruger und die Politik“ und zugleich die Beziehungen der Rätselmeister untereinander dargestellt. Ich nehme dazu einmal einige Überlegungen aus dem Werk (einem Gespräch darin) heraus:

„Dass es bei Augustinus ebenfalls um die Abtreibung ging, nachdem er selbst eine Frau schwängerte, ergibt sich im 4. Buch, 2. Kapitel. Die erste Prüfung ist für ihn sodann das Herausziehen der männlichen Seele, die er mit dem Tod eines namenlosen Freundes umschreibt. Der Tod der weiblichen Seele in Feuer und Qualm ereignet sich im 5. Buch im 9. Kapitel. Die Wiedergeburt der in Liebe verbundenen Seelenteile erfolgt dann im 7. Buch im 1. Kapitel. Die göttliche Aufnahme der Seele in den Schoss der Großen Mutter beschreibt Augustinus im 6. Buch im 5. Kapitel. In die gleiche Richtung gehen noch Erörterungen zu Pantheismus und Unio Mystica, die wir im 7. Buch, 1. Kapitel beschrieben finden. Im 9. Buch, 6. Kapitel, räumt Augustinus ein, dass er dem Drängen der Mutter nachgab. Im 9. Buch im 12. Kapitel, dass seine ‚Bekenntnisse‘ auslegungsfähig seien. Schließlich gesteht er unumwunden im 10. Buch im 29. Kapitel, dass er für Gott alles täte.“

Das sind einige kurze Notizen, das Gespräch enthält noch einige Details mehr, die hier ausgelassen sind. Aber noch einmal: Augustinus taugte zum Andersweltführer. Mithin möchte es fürderhin gelten: Dantes Leitfigur war Augustinus, nicht Vergil.

Für denjenigen, der mag, noch zur Vertiefung: Augustinus in der Beschreibung des Dante

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