Archiv: Oktober 2014

Von den Spielregeln um das menschliche Dasein

15.10.2014 Lebensgeschichte, Lebenshilfe, Philosophisches Keine Kommentare

Da sprach mich letztens eine Bekannte an und teilte mir mit, sie habe soeben die Falter-Skripte gelesen. Aus ihrer Sicht positiv zu vermerken war – nicht viel. So müsse man wohl über Philosophie reden, doch sei das Alles viel zu kompliziert oder zu schwierig formuliert. Und was sie vor allem gestört habe, sei „mein Absolutheitsanspruch“. Sie probiere nämlich lieber aus, wechsele mal hierin oder dorthin, und nehme sich an Infos, was ihr gerade in den Kram passe. Sie wisse natürlich, resümierte sie mit einem Lächeln, sie sei hart in ihrem Urteil, aber so sei sie nun mal.

Die Aussage zur Härte gegen Andere ließ ich unkommentiert, in der Mystik ist nämlich eher ein gewisses Maß an „Härte gegen sich selbst“ gefragt. Stattdessen erwiderte ich, und dies im Übrigen völlig zutreffend, dass es mir völlig egal sei, was sie mit ihrem Leben oder ihrer Seele anfange, es ginge mich auch nichts an. Allerdings dürfe der Leser meiner Werke von mir Verlässlichkeit erwarten, klare Aussagen zu den „Spielregeln des menschlichen Daseins“, und die bekäme er von mir geboten. Denn wer sich auf sich selbst und die Mystik einlasse, sollte die Regeln kennen, nach denen Erkenntnisprozesse ablaufen. Wie im Fußball- oder Volleyballspiel, in Judokampf oder bei der Schwimmveranstaltung seien die Wege geregelt. Das werde im Übrigen ohne Murren für das Spiel oder den Wettkampf auch so akzeptiert, für das menschliche Dasein dagegen merkwürdigerweise nicht.

Um meinen Mitmenschen nun qualifiziert zu eigenen tiefen Einsichten zu verhelfen, würden Strukturen aufgezeigt, die aus den Lebens- und Erkenntniswegen von Dichtern, Denkern, Religionsstiftern und Märchenerzählern gewonnen worden seien. Auf diese Weise würden zwar einzelne Lehren ad Absurdem geführt, nichtsdestotrotz ständen eben jene Lehren im umgekehrten Falle wiederum als Beleg zur Verfügung, strukturimmanente Schwächen und Fehler zu erklären. Zugleich könnten Schriften von Dichtern und Denkern als zusätzliche Nachweise ins Feld geführt werden, wie ich das auch tue. Und – am Rande notiert – stände ich zudem mit meinem Seelenheil vor Gott dafür gerade, dass niemand mit meinen Schriften in die Irre geleitet werde. Dazu hätte ich meine Ausführungen immer wieder selbst auf die Probe gestellt, alle Werke stets Überarbeitungen unterzogen und Verbesserungen eingepflegt. Inzwischen hätte ich damit für mich sogar eine Stufe erreicht, die meinerseits ohne Qualitätsverlust kaum noch Vereinfachungen zulasse, selbst wenn mein Bemühen darum nicht erlahmen würde.

Richtig zufriedengestellt hat sie das nicht. – Ja aber, ihre Ausbildung zur Psychotherapeutin und es käme auf schnelle Hilfe an, nicht auf Grundstrukturen. – Dem wollte ich mit einem kleinen Exkurs zum Schamanentum begegnen: Wer sich etwa auf das Schamanentum einlasse, könne sich selbstredend wie ein Clever Man, ein Schamane der Aborigines, einen Seelenstein schnitzen, und nach dem Ableben mit der Seele dort hineinschlüpfen. Ob es in Anbetracht des über die Jahrmillionen zu beobachtenden Zerfalls von Steinen oder der Neuschöpfung von Steinen aus Staub allerdings Sinn mache, dürfe doch bezweifelt werden. Bei einem Stein handele es sich wohl eher um eine Behausung auf Zeit und eben nicht um eine solche für die Ewigkeit, selbst wenn der Stein groß und dick sei und während eines Menschenlebens keine nennenswerte Abnutzung aufzeige. Was also wolle sie am Ende mit ihrer Seele, mystischer Einsicht folgend ihr Ziel in der Welt erreichen oder einfach nur wie die Schamanen mit der Seele in einen Stein kriechen und fliehen, weglaufen? – Leider musste die Fortführung unseres Gesprächs an dieser Stelle dann vertagt werden.

Zu meinem Vortrag notiert, „steckte“ mir inzwischen ein Bekannter, dass die „Seele“ in der Psychologie nur noch als eine Fiktion des Gehirns betrachtet wird. Es gibt nach heute geltender Ansicht in der Psychologie keine Seele mehr!  Insoweit musste meine Argumentation natürlich ins Leere laufen. Ich werde mich deshalb zukünftig bei Psychologen erkundigen, wie nach deren Ansicht von Schamanen Seelenreisen unternommen oder in der Mystik Seelenopfer oder Seelenentscheide (so etwa Nietzsches Torweg namens Augenblick im „Zarathustra“ oder Hesses Magisches Theater im „Steppenwolf)“ thematisiert werden. Wie werden zudem im Rahmen der Auflösung von Lebenserlebnissen noch heute vergleichbare Erkenntnisse gewonnen?  So ergibt sich aus der Auflösung der Abtreibung: „Die Seele ist von Gott geboren, sie ist unsterblich, im ganzen Körper vorhanden, männlich-weiblich und strebt nach Rückvereinigung mit dem Göttlichen.“ Wie funktioniert so etwas ohne Spielregeln? Wie lassen sich Lehren wie die des Buddha ohne Spielregeln entwickeln und warum formulierte Goethe im „Faust“: „Sprich nur Dich selbst aus, wird schon Rätsel sein, versuch einmal Dich innigst aufzulösen (Seelenspaltung in männliche und weibliche Seele zum Seelenentscheid), DEM FROMMEN MANNE NÖTIG WIE DEM BÖSEN, usw.

Selbstredend wird die Diskussion mutmaßlich letzten Endes ohne Ergebnis bleiben, allenfalls verhärtete Fronten ergeben. Bleibt die mir die Einsicht, dass ich mir womöglich mit einer „philosophischen Sprache“ den Zugang zu meiner Leserschaft selbst verbaue. Doch ob nun persönliches, sprachliches Unvermögen oder aber systemimmanent sei dahingestellt. Ich muss damit leben, mir gegebenenfalls mein Unvermögen selbst verzeihen und bei Ihnen zugleich um Nachsicht bitten. Ich gebe wohl mein Bestes, aber wenn es nicht reicht: Sorry. Und für Ihre diesbezügliche Nachsicht bedanke ich mich vorab.